Wie hart ich lernen musste, dass Familie das Wichtigste ist

Die letzten Wochen habe ich mir viele Gedanken um meinen Blog, um meine Ansichten, das Leben und meine Rolle darin, gemacht. Immer wieder kollidiere ich mit meiner Meinung, wie oberflächlich und unwichtig doch vieles ist, was im Internet geteilt wird, mit den Dingen, über die ich selber blogge. Das passt für mich oft nicht zusammen. Und schlussendlich stelle ich mir dann häufig die Frage, ob es überhaupt einen Sinn macht, weiter zu bloggen. Doch andererseits liebe ich es zu bloggen, nicht ohne Grund mache ich das nun schon auf FILEA mit meinem dritten Blog in Folge seit einigen Jahren.

Ein Ergebnis meiner inneren Diskussion gibt es noch nicht, denn ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, in dem Moment, als mich vor über einer Woche eine E-Mail erreichte, die keiner von uns erhalten will. Dass mein Vater irgendwann im Januar operiert werden würde, wusste ich und ich wusste auch weshalb. Doch ich wusste nicht, wie ernst es wirklich um ihn stand, denn wir haben uns das letzte Mal vor 6,5 Jahren gesehen und telefonieren ein paar Mal im Jahr. Vieles ist kaputt gegangen, anderes war noch nie vorhanden. Es ist eine schwierige Beziehung zwischen uns, immer schon gewesen. Angefangen bei viel zu strenger Erziehung und einem Vater, der kaum da war, bis hin zu Scheidung und einer neuen Frau, die ich nie richtig akzeptieren konnte oder wollte. Ich habe mir immer mehr von unserem Vater-Tochter-Verhältnis erhofft, als ich bekam und so wurde ich mehr als einmal enttäuscht. Aber tief in mir wollte ich immer den Vater haben, der mich liebt und der für mich da ist.

Was macht man also mit so einer kaputten Beziehung? Genau, am besten ganz weit nach hinten schieben, ins hinterste Herzens-Eckchen, da, wo man nicht mehr verletzt werden kann. Da schlummerte er also, mein Papa. 400 Kilometer entfernt von mir, war das Abstandhalten auch nicht sehr schwer. Und dann diese Nachricht: Die OP verlief anders als geplant und endete im künstlichen Koma. Kein Arzt sagte, wie es wirklich um ihn stand und ob er außer Lebensgefahr war. Innerhalb von wenigen Stunden entschloss ich mich dazu, die 400km auf mich zu nehmen, meinen Mann trotz einem krankem Kind Zuhause zu lassen und meine vielleicht letzte Chance zu ergreifen, meinen Vater zu sehen. Die Bilder, die die nächsten Tage in meinen Kopf gebrannt wurden, erspare ich euch hier lieber. Es war hart. Es war wirklich hart. Seinen sonst so starken, unnahbaren Vater so zu sehen, das hat etwas mit mir gemacht. Es hat mich aufgebrochen. Es hat mich verändert.

Ich übernachtete die zwei Tage bei der Frau meines Vaters, der ich bisher wirklich wenig Beachtung geschenkt hatte. Und ihr könnt es vielleicht nicht glauben, ich hätte das auch nicht, wenn mir das einer vorher gesagt hätte, aber diese zwei Tage zittern und bangen, hören und trösten, reden und beten, gemeinsam essen und ihr dabei zusehen zu dürfen, wie sehr sie sich um meinen Vater sorgt, sich kümmert, ihn küsst und streichelt, jede Minute, die wir in diesem Intensiv-Zimmer verbracht haben, haben mich dieser Frau näher gebracht. Ich durfte sie kennenlernen und ganz von allein, ganz still und leise, konnte ich sie auf einmal akzeptieren und annehmen.

Und mein Papa? Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich wieder mit ihm reden zu können. Ihm all das sagen zu können, was ich all die letzten Jahre versäumt habe, wofür ich zu stolz war. Gott sei Dank ist dieser Moment nicht mehr so unvorstellbar, wie noch vor einer Woche. Er ist mittlerweile aus dem Koma erwacht und ansprechbar. Seine Frau kümmert sich rührend um ihn, backt ihm Kuchen und bringt Eis mit ins Krankenhaus, nur damit er etwas isst. Und ich warte. Warte auf den Moment, wenn das Telefon klingelt und ich seine Stimme höre. Und dann, nehme ich mir ganz fest vor, mache ich alles anders. Ich fahre ihn mit meiner Familie besuchen, damit meine Kinder ganz genau wissen, wer Opa Achim ist und damit ich ihn drücken kann und er niemals mehr daran zweifelt, ob seine Tochter ihn lieb hat oder nicht.

Wenn ihr nur eines aus meiner so harten, traurigen Geschichte mitnehmt, dann sei es dies: Wartet nicht, bis etwas schlimmes passiert, um aus einer kaputten Beziehung eine heile zu machen. Familie ist das Wichtigste auf dieser Welt! Die Liebe, die dort fließt, kann dir außer Gott niemand sonst geben. Unser Stolz, unsere Mauern, kosten uns so viel Zeit. Zeit, die man irgendwann vielleicht nicht mehr hat. Ich danke Gott dafür, dass mein Papa noch lebt und dass ich noch die Gelegenheit haben werde, ihn zu sehen und zu sprechen. Und ich wünsche allen Familien da draußen, dass sie zueinander finden. Egal, was war.

P.S.: Das Foto entstand auf meiner Hochzeit 2006, als mich mein Papa zum Alter geleitete. Es ist eines der wenigen Fotos, auf denen wir zusammen zu sehen sind.

5 Comments

  1. Carolin 6. Februar 2017 at 12:25

    Schnief, das hast du schön geschrieben!!!
    Ich wünsche euch viel innere Heilung und eine tollen, gesegneten Neuanfang ins Vater-Tochter Leben.
    Schön, dass es dich gibt und schön, dass du so offen und toll bloggst. Du hast – mit Abstand – meinen Lieblings Blog – wobei da natürlich auch die Norea-Amelie-Jesus.de Schwangerschafts Zeit mit rein spielt 🙂

    Liebe Grüße
    Caro

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  2. Stephi 7. Februar 2017 at 09:44

    Mensch welch bewegende Worte. Liebe Janina, danke, dass du sie hier teilst.
    Ich wünsche deinem Vater gute Genesung und dir, dass du deine Herzenswünsche in Bezug auf ihn erfüllt bekommst.

    Mit den besten Wünschen
    Stephi

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  3. Pingback: Mein Tag beim SWR Nachtcafé - FILEA

  4. Nora 10. April 2017 at 19:47

    Dein Beitrag ist so wunderbar geschrieben. Ich hab mir ein paar Tränen verdrückt. Ich hoffe deinem Papa geht es mittlerweile besser und ich hoffe, du konntest deine Vorsätze umsetzen. Familie ist und bleibt das wichtigste. Das sollte man nie vergessen und oft sind es gerade die schwierigen Zeiten die uns näher zusammen bringen und stärker machen.

    Alles liebe
    Nora

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    1. Filea 11. April 2017 at 15:09

      Hallo liebe Nora,
      ich kann deinen Worten nur zustimmen! Familie ist sooo wichtig und wertvoll! Danke der Nachfrage zu meinem Papa. Es geht ihm wirklich gut und wir werden ihn mit den Kindern am 23. April für eine Woche besuchen fahren. Ich freue mich so sehr darauf, ihn endlich wiederzusehen!
      Ganz liebe Grüße zurück,
      Janina

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