Persönlich // Warum ich mit Anfang 30 im Leben angekommen bin

Früher dachte ich immer, dass ich doch bloß älter werden möchte. Ich fühlte mich immer als „die Jüngste“, nicht als vollwertiges Mitglied, zu unreif, zu unerfahren und letztlich noch nicht angekommen in dieser Welt. Ich erinnere mich, dass ich in der 1. Klasse immer zu den 6. Klässlern aufschaute und so sein wollte wie sie (Anmerkung: In Berlin ging man damals wie scheinbar heute noch von der 1. bis zur 6. Klasse auf die Grundschule). Auch als ich mitbekam, dass die Freunde meiner älteren Schwester schon eine Ausbildung machten, wurde ich neidisch und wollte auch schon gerne so weit sein.

Dieses Gefühl des „Ich würde gerne älter, reifer, weiter sein, als ich jetzt bin“ blieb lange und war immer gepaart mit dem Gefühl der Unzufriedenheit, des Hinterherjagens, des Suchens. Man könnte sagen, ich hatte kein festes Standbein in meinem Leben, wurde hin und her geweht von den Stimmungen und Meinungen anderer. Ich passte mich an, je nachdem wer gerade vor mir stand und kleidete mich, wie es anderen gefallen könnte. Mein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, mich so zu verhalten, wie andere es von mir erwarteten, schlichtweg mit dem Ziel, dass sie mich mögen.

Nach außen hin selbstbewusst, von innen ganz klein

So wurde ich tatsächlich älter und reifer (welch Überraschung) und lebte mein Leben, so „wie man es eben macht“: Ich machte eine Ausbildung, studierte, heiratete und bekam zwei Kinder. Wenn andere Leute über mich redeten, beschrieben sie mich immer als selbstbewusste, starke Frau, die weiß, wo sie im Leben steht und hin will. Doch das war ich nie. Oder zumindest fühlte ich mich nie so. Ich wurde von den Stimmen in meinem Kopf gelenkt, die mir sagten, wie ich mich zu verhalten hatte, nicht aber von mir selbst und dem wer ich wirklich sein wollte.

Meine eigene Erziehung, die Wahl meiner Ausbildung, die Art und Weise wie ich mich kleidete, wie ich meine Freizeit verbrachte, wie ich meinen Glauben lebte und meine Kinder erzog; immer ließ ich mich von den Vorschlägen oder Trends anderer treiben. Ich hörte nicht in mich hinein und ich hatte nicht den Mut, so zu handeln, wie ich es für richtig hielt.

Die Veränderung

Mittlerweile weiß ich, dass die Stimmen in meinem Kopf verzerrt waren und nicht zu mir passten. Dadurch, dass ich Mutter wurde, musste ich mich einer Überforderung stellen und reflektieren, was für eine Mutter und letztlich auch, was für ein Mensch ich sein möchte. Das ist nicht einfach, wenn man jahrelang einen automatisierten Weg gegangen ist, von dem man sich nun lösen soll. Doch ich habe erkannt, dass es egal ist, wie ich mich verhalte, was ich sage, denke und tue, mein Wert als Person verändert sich nicht. Und da ist es auch egal, was andere sagen, denken oder tun. Mein Wert bleibt gleich. Das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis, weil in mir drin die Angst schlummerte, dass wenn ich mich nicht so verhalte, wie es von mir erwartet wird, ich weniger gemocht werde.

Ich komme immer mehr in die Veränderung hinein, dass ich mich davon befreie, was andere denken und es wirklich nur noch zählt, was ich denke. Das heißt, wenn ich mit mir selbst und meinen Entscheidungen zufrieden bin, dann ist das vollkommen ausreichend.

Angekommen

Frei!

Das Wort „frei“ hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Immer, wenn ich unsicher bin und mich hinterfrage – und das passiert leider immer noch ziemlich häufig – dann erinnere ich mich an dieses Wort und ich kann mich von jeglichem Zwang und Angepasst sein lösen und befreit weiter machen. Das ist so toll!

Ich sag euch, 31 zu sein ist für mich ein Geschenk. Ich darf endlich erleben, was es heißt, frei zu sein. Frei, in dem was ich tue, denke, sage, höre, anziehe, esse und wie ich glaube und erziehe. Ich will nicht mehr zurück. Ich will mein Leben nicht noch mal von vorne beginnen, weil es vollkommen normal ist, dass ich diese unreifen Jahre gebraucht habe, bis ich an diesem Punkt angekommen bin, wo ich jetzt stehe. Aber ich bin unglaublich dankbar, dass ich jetzt endlich angekommen bin.

 

10 Comments

  1. Janina 2. Mai 2017 at 19:25

    Liebe Janina,

    zum Teil habe ich mich sehr in deinen Zeilen erkannt.
    Danke dir für deine ehrlichen Worte und dafür, dass du deine Erfahrung mit uns teilst. Davon können junge Frauen nur profitieren.

    Sei mir lieb gegrüßt
    Janina

    Reply
    1. Filea 2. Mai 2017 at 19:46

      Hallo liebe Janina,
      das klingt interessant, vielleicht haben wir mal die Gelegenheit, bei der du mir erzählst, wo du dich wieder erkennen konntest 🙂 Genau das ist mein Anliegen: Junge Frauen und Mamas ermutigen und ihnen etwas mitgeben. Ich hoffe, ich schaffe es wenigstens bei einer Frau 🙂
      Ganz liebe Grüße zurück,
      Janina

      Reply
    1. Filea 2. Mai 2017 at 22:09

      Hallo Jil, es freut mich, dass wir uns gefunden haben! Ganz liebe Grüße zurück, Janina

      Reply
  2. Nadja 2. Mai 2017 at 22:07

    Ich bin 26 Jahre alt und gerade sehr froh darüber deinen Beitrag entdeckt zu haben. Ich fühle mich zur Zeit genauso wie du dich damals. Ich will auch immer jedem gefallen, aus Angst nicht gemocht zu werden. Du hast mir gerade Hoffnung gegeben, mich auch irgendwann „frei“ zu fühlen. ☺ ich danke dir für deine Gedanken!

    Reply
    1. Filea 2. Mai 2017 at 22:08

      Ich hoffe sehr, dass du nicht so lange brauchst, wie ich, um herauszufinden, wie wertvoll du bist <3

      Reply
  3. Meine Kraftquelle 11. Mai 2017 at 12:22

    Hallo Janina,
    ich bin heute auf deinen tollen Blog aufmerksam geworden und wollte dir einen lieben Gruß da lassen.
    Dein Beitrag spricht mich sehr an. Ja, erst einmal müssen wir durch eine Selbstfindungsphase, bis wir bei uns selbst ankommen und nicht mehr nur das sind, was andere gerne in uns sehen würde. Das erfordert Mut und Stärke, und manche Menschen erreichen das nie. Umso schöner finde ich es, von Menschen zu lesen, die auf ihrem Weg sind. Toll!
    Viele Grüße von Tanja

    Reply
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