Mama

Warum wir dankbar sein können // Die Geschichte einer Flüchtlingsmama

Bild: Odwarific / Pixabay

Es gibt ja viele Dinge an meinen Kindern, über die ich mich aufrege: Wenn sich die Große morgens schon über den falschen Pulli beschwert und abends der Tag damit endet, dass sie sich nicht die Zähne putzen will. Oder wenn der Kleine sich nicht entscheiden kann, ob er nun den Marmeladentoast oder die Banane essen will und einfach drauf los brüllt. In solchen Momenten bin ich genervt und schlecht drauf und ärgere mich über meine nicht willigen Kinder.

Die Geschichte von Momo

Aber heute habe ich mal wieder gemerkt, dass meine „Problemchen“ und Ärgernisse über die Kinder wirkliche Luxusprobleme sind. Ich habe heute die Geschichte einer Frau gehört, die in die Spielgruppe des Sozialwerks kommt, in dem ich arbeite. Sie kommt gebürtig aus Somalia und ist geflohen, zusammen mit einem Kind, nennen wir ihn Momo. Momo ist vielleicht 5 Jahre alt und krank. Sein Gehirn ist nicht so weit entwickelt, wie es normalerweise mit 5 Jahren der Fall ist, außerdem hat er die sogenannte Fischschuppenkrankheit, die wahnsinnig viel Pflegeaufwand benötigt.

Drei Mal am Tag muss er gebadet und anschließend am ganzen Körper eingecremt werden. Tut man das nicht, bekommt er Verhornungen am ganzen Körper, die Haut kann nicht atmen und schlussendlich würde das zum Tod führen.

Momo ist ein lieber Junge, trotzdem ist er sehr anstrengend, schreit viel, kann sich nur 30 Sekunden mit einer Sache beschäftigen und sind andere Kinder im Raum, nähert er sich diesen laut brüllend und hat keinerlei Vorstellung davon, was er da eigentlich tut, denn das kann sein Gehirn nicht verarbeiten.

Eine Geschichte voller Opfer

Wenn man die Frau zusammen mit Momo sieht, könnte man denken, sie sei seine Mutter. Doch dem ist nicht so. Sie ist seine Tante. Momos Mutter lebt noch in Somalia, zusammen mit 10 weiteren Kindern. Momo kam als Drilling zur Welt, seine beiden Geschwister haben die Geburt nicht überlebt, auch er schwebte in Lebensgefahr. Eine italienische Hilfsorganisation bot dem Jungen und seinen Eltern an, sie nach Italien zu holen, damit sie die medizinische Hilfe bekommen, die er so dringend benötigte. Seine Mutter, psychisch nicht ganz stabil, lehnt ab.

Sie schickt ihre Schwester, die Frau in der Geschichte, um mit Momo nach Italien zu gehen. Momos Mama hat ihn aufgegeben, will ihn nicht mehr. Momos Tante nicht. Sie geht mit ihm nach Italien. Und das erschütterlichste in der Geschichte ist, dass sie dafür ihre eigene 7 Jahre alte Tochter zurücklässt. Die Frau aus Somalia gibt ihr Leben auf, um ihren Neffen zu retten und geht nach Italien.

Afrikanischer Junge Flüchtling

gadjet / Pixabay

Das Leben in Deutschland

Nach einem Jahr in Italien flieht sie eigenständig nach Deutschland, zusammen mit Momo. Nun ist sie hier, ohne Unterstützung, in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht, mit einem kranken Jungen, der 24 Stunden am Tag vollste Pflege und Aufmerksamkeit benötigt. Und immer in ihren Gedanken: Ihre Tochter, die mittlerweile 10 Jahre alt ist. Sie weiß nicht, wann sie sie wieder sehen wird.

Die Frau lebt mit Momo in einer ganz kleinen Wohnung. Die paar Möbel, die sie hat, hat sie von unserer Gemeinde geschenkt bekommen, die wenigen Spielzeuge für den kleinen Momo gehen meist innerhalb kürzester Zeit kaputt, weil das kranke Kind die Autos mit voller Wucht gegen die Wand fährt.

Eine Geschichte zum Nachdenken

Solche Geschichten gibt es aktuell viele in Deutschland und doch ist es etwas anderes, die Menschen zu sehen und zu erleben. Beide tun mir so leid; die Frau, die sich aufopfert, um ihrem Neffen ein Leben in Deutschland zu ermöglichen und dafür ihre Tochter zurück gelassen hat und der Junge, der sich nicht „normal“ verhalten kann und wohl nie in eine normale Schule gehen wird. Am liebsten würde ich sofort ein Ticket kaufen, um die Tochter aus Somalia einfliegen zu lassen, aber natürlich ist das nicht so einfach.

Was ich mir aus solchen Biografien mitnehme, ist eine so starke Dankbarkeit für mein Leben in Deutschland, für den Luxus den wir hier haben, aber vor allem für meine gesunden Kinder. Beide sind vollkommen gesund und ohne Komplikationen auf die Welt gekommen, beides sind tolle Kinder, die ich, wenn ich das möchte, jede Minute meines Tages um mich haben kann. Es ist solch ein Privileg, eine Familie zu haben, gesund zu sein und wenn nicht, ein Gesundheitssystem zu haben, welches einen auffängt.

Helfen ganz nah

Auf jeden Fall kann man diesen Menschen helfen. Sei es mit Gängen zu Ämtern, Ausfüllen der vielen Formulare, Spielzeug für Momo oder Sprachunterricht für die Mütter. Ein Lächeln, Kleidung, ein liebes Wort, eine Umarmung, es gibt so viel, was ich tun könnte, aber meist bin ich so mit meinem eigenen Leben und meinen ach so großen Problemchen beschäftigt, dass andere Menschen darin keinen Platz mehr haben. Das möchte ich ändern. Das möchte ich mir zum Vorsatz machen für das kommende Jahr. Du auch?

2 Comments

  1. Janina

    9. November 2016 at 18:07

    Liebe Janina,

    danke dir für diesen Text. Danke aus meinem tiefsten Herzen.
    Wir können dankbar sein. Wir sollten dankbar sein. Denn nichts ist selbstverständlich.

    Ich hoffe für Momos Tante, dass sie ihr Kind hier bald in die Arme schließen darf. Und ich hoffe für Momo selbst, dass ihm, so gut nur möglich, geholfen wird.

    Danke!
    Janina

    1. Filea

      10. November 2016 at 19:45

      Janina, du bist so lieb. Ich danke dir für dein Feedback und ich freue mich wirklich sehr, dass ich dich berühren konnte! Das ist wohl das Schönste am Bloggen 🙂 Ich hoffe, ich kann irgendwann ein Happy End von der Geschichte berichten.

Leave a Reply