Frau, Persönliches

Leben // Therapie für alle?

Die Psychotherapie ist immer noch ein gewagtes Thema.

Es gibt ein Buch von Manfred Lütz, das heißt „Irre! Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen“. Ich habe das Buch schon jahrelang in meinem Schrank stehen, jedoch bisher noch nicht gelesen. Aber ich glaube, Herr Lütz und ich sehen die Sache ziemlich ähnlich. Vor allem während meines Psychologie-Studiums habe ich viele Menschen gesehen, die als „psychisch krank“ bezeichnet wurden, aber ich frage mich wirklich, ob nicht jeder Mensch seine ganz eigene Macke hat und Therapie gut gebrauchen könnte.

Ich? Nein! Ich doch nicht! Meinem Hirn geht’s gut…

… werden die meisten jetzt sagen. Dann kann ich dir nur gratulieren und hoffen, dass das auch so bleibt. Viele Menschen in Deutschland finden es immer noch seltsam, wenn Menschen sagen, sie würden eine Therapie machen oder einen Psychiater konsultieren. Sie werden viel zu schnell als „verrückt“ abgestempelt und Therapeuten nicht ernst genommen. Aber wusstet ihr schon, dass es in Amerika total normal ist, wenn die Leute ihre Sorgen bei einem Psychologen loswerden und der Gang zum Therapeuten zum Alltag dazu gehört?

Ich wünschte mir wirklich, der Blick auf das ganze Therapie-Thema würde lockerer werden. Dieses Bild vom Therapeuten mit Brille, dessen Patient vor ihm auf der Couch liegt und in die hintersten Ecken seiner Kindheit geführt wird, ist veraltet. Heutzutage sitzt man seinem Therapeuten ganz normal gegenüber, man bekommt einen Kaffee und spricht ganz locker und frei über seine Gedanken und Probleme.  Es ist fast wie ein Coaching. Und mal ganz ehrlich: Wo hat man das denn heutzutage noch, dass dir jemand wirklich zuhört, sich in dich hineinversetzt und versucht, deine Welt zu verstehen und noch besser: Dir aus deiner Misere herauszuhelfen? Wenn man Glück hat, gerade noch die beste Freundin oder der Partner, aber was, wenn genau dieser das Problem ist?

Wer Probleme hat, ist schwach

Leider ist das ein weiterer Grund, weshalb Therapie so verpönt ist. Wer sich Therapie sucht, bekommt seine Probleme nicht alleine in den Griff und das wird allgemein als Schwäche angesehen. „Ich bin doch nicht unnormal“, das war ein Satz, den auch ich mir lange vorgegaukelt habe. Aber darum geht es gar nicht! Ich persönlich finde, es ist genau anders herum. Wer seinen Stolz aufgibt und sich Hilfe bei anderen sucht, sei es ein Psychotherapeut, Couch oder Erziehungsberater, der ist unglaublich stark und mutig. Er nimmt sein Leben in die Hand und möchte sich verändern.

Mittlerweile sage ich voller Überzeugung „Alle können Therapie gebrauchen“. Denn es ist viel mehr, als eine Diagnose zu erhalten, zu den Terminen zu gehen, Tabletten zu nehmen und „geheilt“ zu werden. Es ist eine Lebensbegleitung, die unglaublich hilfreich ist. Man nimmt sich Zeit, nur für sich. Wann macht man das heutzutage noch? Man denkt über sich nach, reflektiert sich und die Situationen und hat die Chance, ein besseres Leben zu leben.

Wirklich alle?

Mit Sicherheit gibt es Ausnahmen, die gibt es immer. Aber wenn man die Psychotherapie von einer anderen Perspektive her betrachtet: Als ehrliches, tiefgründiges Gespräch, in dem man alle Hüllen fallen lassen kann, damit man sich weiter entwickelt und nicht mit diesem Stigmata des „Verrücktseins“ abstempelt, dann hat die Therapie eine echte Chance, die Menschen zu verändern und Gutes zu bewirken. Mich würde wirklich interessieren, wie viele schlimmen Dinge, wie Amokläufe, Terror, Scheidungstaten und und und vermieden werden könnten, wenn jeder an sich selbst arbeiten würde, aber der Gedanke führt vielleicht etwas zu weit.

Und ich?

Nun fragt ihr euch vielleicht, was denn mit mir ist, wenn ich hier so lautstark rausposaune, dass doch bitte jeder eine Therapie zumindest in Betracht ziehen sollte. Ja, ich bin seit letztem Jahr in einer Therapie und ich kann euch nur sagen, es war die beste Entscheidung meines Lebens. Aber ich bin auch nicht freiwillig hingegangen, weil ich Angst hatte, meine Fehler zuzugeben, weil ich dachte, ich sei stark. Ich hatte eine wundervolle Freundin, die ebenso die positive Erfahrung durch einen Therapeuten gemacht hat und mich ermutigte, den Schritt zu wagen.

Mein Gedanken Wirrwarr, mein Angepasst sein, meine Abhängigkeit von anderen Menschen, daran arbeite ich jeden Tag und ich fühle mich von Tag zu Tag freier in meinen Gedanken und Handlungen.

Es ist wie immer: Ich möchte ermutigen. Was ihr aus eurem Leben macht, das ist eure Entscheidung. Aber ihr habt nur dieses eine. Macht was draus.

 

2 Comments

  1. Nora

    10. April 2017 at 19:40

    Wie schon dein Beitrag über unreine Haut ist auch dieser wieder sehr gelungen. Ich teile deine Ansicht und habe seit Jahren genau die gleiche Meinung. Ich sehe ebenfalls nur positives in einer Therapie und vorallem daran die Probleme des Alltags, ob groß oder klein, mit einer neutralen Person besprechen zu können.

    1. Filea

      11. April 2017 at 15:10

      Vielen Dank Nora, für die lieben Worte! Genau, eine neutrale Person, kann manchmal Impulse geben, die dir nahstehende Personen vielleicht nicht geben können. Ich empfinde die Therapie als sehr wertvoll!

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