Die beste Schule? // Überoptimierungswahn der Mütter

Ich stehe mit einer Gruppe von Müttern vorm Schwimmbad, in dem meine große Tochter gerade ihren Schwimmkurs macht. Viele der Kinder, die dort plantschen, werden nächstes Jahr eingeschult, so auch meine Große, deswegen höre ich dem Gespräch zweier Mütter aufmerksam zu. Es geht darum, welche Schule denn wohl die richtige für ihr Kind ist.

Mama 1 hat bereits ein Kind in der Waldorfschule und teilt nun ihre Erfahrungen mit Mama 2. Mama 2 ist offensichtlich unsicher, ob ihr Kind zur Waldorfschule passen würde. Deswegen fragt sie bei Mama 1 nach, die in den höchsten Tönen von der Waldorfschule spricht. Aber auch die Montessori Schule sollte sich Mama 2 anschauen. Mama 2 erzählt, dass sie schon bei drei Schulen zum Kennenlernen war. Nun mischt sich auch Mama 3 ein und berichtet, wie schwierig es ist, auf der Waldorfschule einen Platz zu bekommen. So gerne hätte sie ihren Sohn dort hingeschickt.

Immer besser, höher, weiter

Mir wird im Laufe des Gesprächs immer mulmiger. Ich war bisher „nur“ auf einer Schule zum Kennenlernen und ich hatte eigentlich keine anderen Schulen im Blick. Großartig informiert, welches Konzept welche Schule fährt und wie meine Tochter dort hinein passen würde, habe ich mich ehrlich gesagt auch noch nicht. Aber in 1,5 Monaten ist schon Anmeldeschluss! Bin ich deswegen eine schlechte Mutter? Nein.

Andrea Morgenstern hat in ihrer aktuellsten Podcastfolge (den ich übrigens total empfehlen kann!) über den Überoptimierungswahn gesprochen, den sie im Moment bei vielen Menschen – nicht nur bei den Müttern – wahrnimmt. Da muss es die gesündeste Ernährung, der größte Erfolg im Beruf oder die effizienteste Methode sein, um morgens gut in den Tag zu starten. Man hetzt seinen Erwartungen hinterher und kann eigentlich nur verlieren.

So empfinde ich das auch unter uns Müttern. Einerseits bezogen auf uns als Einzelperson, aber vor allem auch in Bezug auf unsere Kinder. Da werden zig Babykurse besucht, das allerbeste Bioessen gekocht, die Kinder sollen möglichst schon frühzeitig laufen, Fahrradfahren, schreiben und schwimmen können, drei Hobbies haben und eben auf die „beste“ Schule gehen, damit das Kind auch weiterhin optimal gefördert wird. Und wenn die eigenen Kinder dann noch nicht Fahrrad fahren können oder nur ein Hobby haben, fühlt man sich als Mutter wie eine Versagerin.

Was ist die beste Schule für mein Kind?

Zurück zu den Schwimmkurs-Mamis. Ich erinnerte mich daran, wieso mich meine Mutter damals auf meiner Grundschule angemeldet hatte, genauso wie ich überlegte, wieso ich die Schule für meine Tochter ausgewählt hatte, auf die sie nun hoffentlich gehen wird (die Zu- oder Absagen gehen kurz vor der Herbstferien raus). Ich entschied mich für die Schule,

  • die nicht zu weit weg von unserem Zuhause ist, damit der Weg nicht so weit ist und die Große mit dem Schulbus fahren kann
  • wo all ihre besten Freundinnen auch hingehen wollen und hoffentlich werden
  • die mir von ehemaligen Kindergarten-Mamis empfohlen wurde und
  • von der ich selber überzeugt bin

Aber wisst ihr was? Meine Mutter hat sich damals nur aufgrund des kürzesten Weges und meiner Freunde für die Schule entschieden, auf die ich dann gegangen bin (und das in Berlin sogar für 6 Jahre anstatt nur für 4, wie es in NRW ist). Da wurde nicht nach dem Konzept geschaut oder nach den besten Lehrern. Da wurde nicht großartig verglichen, denn das was vor der Nase lag, wurde genommen. Und da das alle so gemacht haben, waren die Nachbarkinder – die automatisch auch die Freunde waren – auf derselben Schule.

Hat es mir geschadet, dass sich meine Mutter scheinbar nicht so sehr gekümmert und mich augenscheinlich weniger gefördert hat, sondern sich für die einfachste und unkomplizierteste Methode entschied? Ich habe mein Abi gemacht, ich habe studiert und ich würde nicht sagen, dass ich unglaublich doof bin 😀 Also nein.

Immer locker bleiben!

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Oder dass man sich als Mutter gar keine Gedanken über die Schule der eigenen Kinder machen soll. Aber: Chill out! Lasst euch nicht verrückt machen! Ja, ich fühlte mich unter diesen ganzen vermeintlichen „Vorzeige-Mamis“ im Schwimmbad eine zeitlang ziemlich unwohl. Aber ich hatte mich aus gutem Grund für diese eine Schule entschieden, und das sagte ich auch: Der Weg ist kurz und die Freunde sind vor Ort. Aber auch mein Weg ist nicht unbedingt der beste für Mama 1, 2 oder 3. Denn und das gilt überall: Jede Mama, jede Familie muss den besten Weg für SICH finden und darf ruhig und entschlossen dabei bleiben.

Übrigens: Es gibt keinen perfekt geebneten Weg für unsere Kinder. Sie werden stolpern, und sie werden Narben davon tragen. Denn wir Mütter (und auch die Väter natürlich) machen Fehler und das ist normal und gut so. Diese leistungsorientierte Gesellschaft übt so viel Druck auf uns aus, jetzt schon. Wie soll es einmal unseren Kindern gehen? Versuchen wir doch als Vorbildfunktion locker zu bleiben oder lockerer zu werden und nicht alles überoptimieren zu wollen. Der Stress kommt sowieso von ganz allein.

Fotocredits: Fotolia / Konstantin Yuganov

7 Comments

  1. Andreas Clevert 29. September 2017 at 16:56

    Ich finde, Du machst es Dir recht einfach, wenn Du mit der Referenz „Früher hat es auch geklappt“ so eine erlebte Sequenz abwatschst. Die Mütter haben sich unterhalten über Optionen, Punkt. Heute gibt es mehr Infos, also auch mehr Informationen und damit verbunden einen größeren Zeitaufwand, das Richtig herauszufinden.
    Ich musst auch schmunzeln über ein ähnliches Erlebnis: Letzten Herbst, der Älteste war da Beginn dritte Klasse, hatte ich mal auf zwei Tagen der offenen Tür von weiterführenden Schulen herumgetrieben. Allein. Der Sohnemann kann ja dann mitkommen, wenn er dran ist (sic: diesen Herbst). Und ich traf eine bekannte Mutter auf einem der Infotage. Konnte sie nicht zuordnen. Bis mir einfiel, Tochter in der ersten Klasse. Dachte ich mir auch: Wow, extrem früh dran. Aber Optimierungswahn würde ich das nicht nicht nennen…

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    1. Filea 29. September 2017 at 17:01

      Hallo Andreas,
      ich habe dein geteiltes Erlebnis nicht ganz verstanden, ehrlich gesagt, aber wenn es darum geht, sich frühzeitig in den Schulen anzumelden, dann kenne ich es durchaus, dass man den Müttern teilweise rät, ihre Kinder für bestimmte Schulen schon kurz nach Geburt anzumelden. Das ist schon krass. Letztlich geht es mir auch nicht darum, nicht seine Optionen zu kennen, sondern den Druck herauszunehmen, jedes Kind müsste auf eine Waldorf- oder Montessorischule gehen, um ein „gutes Leben“ zu haben. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich keine Ansprüche auf Vollständigkeit in meinen Blogbeiträgen stelle. Ich betrachte meist nur eins, zwei Punkte aus komplexen Themen. Hätte ich alle relevanten Punkte angesprochen, wäre der Artikel wohl Seiten lang geworden 😉 Ich habe lediglich einen Gedanken geteilt.
      Liebe Grüße,
      Janina

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  2. Carolin 29. September 2017 at 19:39

    Hi Janina,
    Anmeldeschluss, was ist das? Wir haben 1 Schule zur Auswahl 😂
    Und ich würde meine Kind NIE auf Montessori oder Waldorfschulen schicken. Ich mag die Konzepte ganz einfach nicht.

    Wahrscheinlich ticken die Uhren hier aufm Land eh anders als bei euch in der Stadt.
    Aber Grundsätzlich bin ich auch dafür, die Kinder sollen da hingehen, wo die Freunde hingehen und der Weg am nächsten ist 😁
    Wir müssen uns erst nach der Grundschule entscheiden ob sie in Weiterführende Schule A oder B geht. Und vermutlich wird die „gewinnen“ die die bessere Busverbindungen hat.

    Du machst das gut und richtig.
    Gute und schlechte Lehrer gibt es überall.

    Liebe Grüße
    Caro

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  3. Kraehenmutter 1. Oktober 2017 at 08:35

    Ich empfinde den Artikel auch als kritisierend den „Vorzeigemüttern“ gegenüber. Bloß weil Eltern sich Gedanken machen und sich darüber austauschen auf welche Schule ihr Kind gehen soll, hat das mMn nichts mit Optimierungswahn zu tun.
    Natürlich wollen wir alle das Beste für unsere Kinder, aber es ist doch nicht unangebracht dafür etwas genauer zu gucken, wo mein Kind die kommenden Jahre den Großteil seines Tages verbringen soll.

    Meine Mutter hat mich auch in die nächstgelegene Schule geschickt und – die war scheiße. Ja, ich habe meinen Weg trotzdem gefunden, trotzdem möchte ich meinen Kindern diese Erfahrungen ersparen. Nicht, weil ich möchte, dass sie in der 1.Klasse Japanisch und Geige spielen lernen, sondern weil sie dort angenommen und gewertschätzt werden sollen.
    Wenn du das Gefühl hast dass dies bei euch in der Schule um die Ecke so ist, prima. Bei uns halt nicht, daher habe ich mich umgeguckt, ganz ohne Überoptimierungswahn.

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    1. Filea 1. Oktober 2017 at 14:53

      Hallo Krähenmutter!
      Danke für deine Rückmeldung! Ich hatte bei den o.g. Müttern das Gefühl, dass das Fördern der Kinder den Freundschaften und den Wünschen der Kinder übergeordnet wird, und das sehe ich eben nicht als korrekt an. Ich wollte auch gar nicht die beiden genannten Schularten in den Fordergrund rücken, sondern einfach zum Locker bleiben aufrufen 😉

      Reply
  4. Mine 1. Oktober 2017 at 10:40

    Huhu,

    Hier in Berlin hat man leider nicht unbedingt eine Wahl, auf welche Schule man sein Kind schicken möchte. Man bekommt eine Grundschule zugewiesen die im Einzugsgebiet liegt und da muss man nur auf der anderenfalls Straßenseite wohnen und Zack muss das Kind auf eine andere Schule als alle Freundinnen. Den Fall haben wir jetzt und ich kann zwar meinen Wunsch äußern, ob es aber klappt ist die andere Frage. Was ich ziemlich blöde finde, weil ich es besser fände wenn man eine Wahl hätte von Anfang an, denn ich kenne mein Kind doch am Besten.

    Mir ist es wichtig, dass die Interessen meines Kindes gedeckt werden und das sie eigentlich mit ihren Freundinnen zusammen bleiben kann.

    Ob dann jemand sagt, Montessori oder Walddorf sei das Beste, dann ist es für diese Leute eben so. Das empfinde ich jetzt nicht so wie du, als Zwang besser zu sein als andere. Sondern als andere Lebensweise, denn für uns wäre das zum Beispiel überhaupt nichts.

    Aber, den Grundkern deiner Aussage bzw. was du vermitteln möchtest verstehe ich und kann ich auch nachvollziehen.

    Und noch eins – du kommst gebürtig aus Berlin? ❤️

    Liebste Grüße,
    Mine

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    1. Filea 1. Oktober 2017 at 14:55

      Hey Mine! Schön, dass du hier bist 🙂 Hier in Bielefeld ist es auch so, dass du einer Schule zugeordnet wirst und zwar der, die am nächsten dran ist. Wenn man dort nicht hinmöchte, muss sich bei anderen Schulen „bewerben“ und hoffen, dass man genommen wird. Ich denke, das wird so ähnlich sein, wie bei euch. Das ist eine ganz schöne Zitterpartie!
      Ja, ich komme gebürtig aus Berlin-Spandau und bin mit 15 Jahren weggezogen mit meiner Mutter zusammen. Wusstest du das gar nicht? Manchmal überkommt mich tatsächlich etwas Sehnsucht 😉
      Liebe Grüße zurück :-*

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