Frau, Persönliches

Ich sah all die Schläuche und wollte nur noch wegrennen! // 1 Jahr nach dem Koma meines Vaters

Es ist der 14. Februar 2017, Valentinstag! Meistens hat dieser Tag nicht mehr wirklich den Zauber, den er noch am Anfang meiner Beziehung hatte, aber das ist auch nicht schlimm. Sich gegenseitig überraschen, kann man auch an anderen Tagen. Und so erwartete ich nichts Besonderes. Dann klingelte das Telefon.

„Ich hab gehört, du wolltest mit mir sprechen“ hörte ich, als ich den Hörer abnahm und sofort liefen die Tränen über mein Gesicht. Es war der Anruf, auf den ich seit dem 26. Januar gewartet habe. Es war der ersehnte Anruf meines Vaters, der keine drei Wochen vorher im Koma gelegen und um sein Leben gebangt hat. Und ich mit ihm.

Eine OP mit schweren Folgen

Viele von euch haben unsere Geschichte verfolgt. Die Geschichte meines Vaters und mir. Eine Vater-Tochter-Beziehung, die nie so wirklich ideal war. Von der ich mir mehr erhoffte und zu oft enttäuscht wurde. Aber als ich am 26. Januar 2017 eine E-Mail erhielt, mit der Bitte „Betet für euren Vater, er braucht jetzt jegliche Hilfe“, waren sämtliche Verletzungen vergessen. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wieder sehen würde, wenn ich jetzt nicht an die Ostsee ins Krankenhaus fahre, wo er lag. Ich fuhr hin, lief direkt in die Intensivstation. Und da lag er. Angeschlossen an zig Schläuche und Maschinen, im künstlichen Koma. Ich hatte so eine Szene noch nie gesehen, war vorher selten im Krankenhaus. Mein erster Impuls war „wegrennen“. Ich will das nicht. Ich möchte meinen Vater nicht schwach und vor allem auch nicht sterben sehen.

Aber ich blieb. Ich nahm seine Hand, sie war vollkommen aufgedunsen, und betete. Am nächsten Tag wurde uns gesagt, dass sie versuchen, die Narkose zu lockern, um dann so langsam den Tubus ziehen zu können. Denn je länger der drin bleibt, desto schlimmer können die Schäden sein. Seine Frau erkundigte sich Zuhause jede Stunde nach ihm, bis wir wieder ins Krankenhaus fuhren. Und tatsächlich, das künstliche Koma wurde ganz leicht aufgehoben, aber der Tubus war noch drin. Er war noch sehr weggetreten. Ich ging zu ihm, sprach ihn an und nahm seine Hand erneut. „Ich bin’s Papa, ich bin da“. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass wir uns 6,5 Jahre nicht mehr gesehen und sehr selten telefoniert hatten. Doch sofort veränderte sich das Bild. Sein Kopf lief unglaublich rot an, er machte ein schmerzverzerrtes Gesicht, wollte den Tubus loswerden. Alle Maschinen fingen an zu piepen. Ich trat vor lauter Schreck zur Seite. Die Krankenschwester gab ihm sofort etwas zur Beruhigung und er schlief ein. Die Schwester meinte, das sei normal, er ist aufgeregt.

Ein Bild, das ich nie vergessen werde. Und doch nahm nach all diesen unschönen Tagen die Geschichte ein gutes Ende. Wie zu Anfang dieses Textes beschrieben, rief er an und wir konnten uns unterhalten. Ich war so glücklich.

Wie ging es weiter?

Es kam der April und somit unser Urlaub an die Ostsee, zu meinem Vater. Wir buchten eine Ferienwohnung, so dass wir uns immer zurückziehen konnten. Wir fuhren zu ihm nach Hause und er machte die Tür auf. „Ich hab gehört, du willst mich unbedingt nochmal drücken“ und er umarmte mich. Bei uns beiden stiegen die Tränen in die Augen. Familienzusammenführung geglückt. Ich postete dieses Bild, auf dem wir zusammen auf einer Bank am Strand sitzen und an sich könnte man denken, was für ein langweiliges Foto das ist. Aber ihr alle, die mich begleiten, habt verstanden, was das Bild eigentlich bedeutete. Ich habe die Möglichkeit bekommen, meinen Vater wiederzusehen. Er darf leben und wir vielleicht das aufholen, was wir verpasst haben.


Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass wir nun auf einmal die perfekte Vater-Tochter-Beziehung hätten. Nein, so ist es nicht. Aber so muss es auch nicht sein. Wir telefonieren regelmäßig, wir unterhalten uns über seinen Gesundheitszustand, über das Meer, die Kinder und seine Frau. Zu Weihnachten gab es ein Päckchen mit tollen Geschenken für die Enkel. Okay, ich gebe zu, das hat seine Frau gepackt, aber ich fand es einfach schön, dass sie an uns gedacht haben.

Was mich ganz besonders freut, ist der Wunsch meines Vaters, dieses Jahr zur Einschulung seiner Enkelin zu kommen. Er kommt nach Bielefeld. Das erste Mal seit 12 Jahren.

Erwartung vs. Realität

Die Frage, die man sich stellen muss, ist, was für eine Erwartung man von einer Beziehung hat. Egal, ob vom Ehepartner, vom Kollegen oder von der Familie. Und man tut letztlich einfach gut daran, keine Erwartung zu haben. Ich weiß, dass mein Vater uns liebt. Aber ich weiß auch, dass er seine Liebe nicht zeigen kann. Und das ist okay. Ich versuche die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Wie zum Beispiel die Überraschung mit der Einschulung. Das hätte ich nie erwartet und doch hat er es sich von sich aus gewünscht. Das freut mich und das nehme ich so an. Und der nächste Ostsee-Besuch wird auf jeden Fall folgen.

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