Frau, Persönliches

Brieffreundschaft mit einem Inhaftierten // Der Versuch eines Tapetenwechsels

Nicht erst seit meiner aktuellen Lieblingsserie „The good wife“ finde ich das Leben der Menschen hinter Gittern und die individuellen Fälle, die vor Gericht ausgefochten werden, sehr spannend. Mehr noch: Es zieht mich irgendwie magisch an. Schon als Teenager hatte ich darüber nachgedacht, eine Brief“freundschaft“ mit jemandem aus dem Gefängnis anzufangen, allerdings bin ich nie weiter in die Tiefe gegangen. Es ergab sich einfach nie die Möglichkeit. Bis zu diesem Frühjahr.

Eine Zeitungsannonce macht’s möglich

Ich blätterte wie gewöhnlich durch die Mittwochszeitung der Region, als mir der Aufruf vom Schwarzen Kreuz ins Auge sprang, die Menschen suchten, die Briefe an einen Inhaftierten schreiben möchten. Für weitere Infos sollte ein Infoabend im besagten Gefängnis stattfinden und vier Wochen später ein erstes Kennenlerntreffen mit den Gefangenen. Nach dem Infoabend sagte ich zu und war sehr aufgeregt, wie es wohl sein wird, mit Menschen, die im Gefängnis sitzen, zu sprechen.

Wie sind die Menschen im Gefängnis?

Der Tag des Kennenlernens sollte dazu dienen, jemanden zu finden, mit dem man sich vorstellen kann, über mehrere Monate hinweg Briefkontakt zu pflegen. Für mich, die im direkten Kontakt zu Menschen ziemlich unsicher ist, eine große Herausforderung. Sowieso schon. Und dann noch Verurteilte, von denen man nicht weiß, wie sie sein werden, was sie getan haben und ob sie nicht vielleicht sogar an mehr interessiert sind, als an bloßer Brieffreundschaft. Mein Herz pochte.

Wir waren sieben Leute von „draußen“ und genau sieben Inhaftierte, die sich in der Kapelle des Gefängnisses zum ersten Mal begegneten. Alle waren sich erst einmal ziemlich unsicher, wie sie sich verhalten sollen, aber die Dame vom Schwarzen Kreuz führte uns gut durch den Vormittag. Sie lockerte die Atmosphäre auf und es war alles viel entspannter, als ich dachte.

Ganz normale Menschen

Vielleicht hört sich das wirklich blöd an, aber am meisten hat es mich erstaunt, dass alle sieben Männer auf den ersten Blick vollkommen normale Menschen waren. Niemals hätte ich gedacht, dass diese Männer, teilweise schüchtern, teilweise den Macho heraushängend, eine Straftat begehen könnten. Aber alle haben einen Grund gehabt, weshalb sie dort sind. Ich würde euch so gerne mehr über die einzelnen Personen erzählen, denn genau das macht es ja so spannend, aber ihr könnt sicherlich verstehen, dass ich das nicht darf. Auf jeden Fall kann ich euch sagen, dass ich auch mit Menschen ins Gespräch gekommen bin, die, wie sich später herausstellte, sehr schlimme Dinge getan haben.

Die dunkle Seite

Den ganzen Tag lang ließen mich die Gespräche und die Menschen dahinter nicht los. Es war erstaunlich. Die dunkle Seite kann sehr anziehend sein. Ich recherchierte Fälle, Straftaten, Namen… und ich schwankte zwischen Schuld und Unschuld. Aber im Endeffekt bin ich mit dem Menschen, mit dem ich mich nun schreiben darf, super zufrieden. Ich habe ihm direkt am nächsten Tag den ersten Brief geschrieben und warte nun schon seit einer Woche auf eine Antwort. So spannend ist das.

Briefe schreiben an einen Inhaftierten

Warum mache ich das?

Vielleicht fragen sich manche von euch, wieso ich das überhaupt mache. Das Projekt vom Schwarzen Kreuz, an dem ich jetzt teilnehme, heißt „Tapetenwechsel“ und das beschreibt den Grund ziemlich gut. Ich glaube, dass die Perspektive eines Strafgefangenen mir in meinem alltäglichen Leben sehr viel bringen kann. Mehr Dankbarkeit, mehr „im Kleinen kostbares sehen“. Denn gehen wohin man will, essen was man möchte, Menschen sehen, die man liebt, das alles ist nicht selbstverständlich. Diese Menschen im Gefängnis sind teilweise 23 Stunden am Tag alleine auf ihrer Zelle eingeschlossen. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Aber ich baue auch unheimlich gern Beziehung zu Menschen. Und ich glaube, dass diese Menschen solche Beziehungen brauchen. Kontakt zur Außenwelt. Jemand, der ihnen zuhört und sich für sie interessiert.

Eine spannende Reise

Ein halbes Jahr dauert nun also der „Tapetenwechsel“. Im September treffen wir uns alle wieder in der Kapelle des Gefängnisses, um ein Zwischenfazit zu ziehen. Und im November ist dann der Abschluss. Ich bin mega gespannt, wie das Ganze weitergehen wird. Und wenn ihr mögt, halte ich euch gerne auf dem Laufenden. Wenn ihr auch Interesse an einer Arbeit mit Gefangenen habt, dann schaut doch mal auf der Seite vom Schwarzen Kreuz vorbei. Der Verein leistet wirklich richtig tolle Arbeit.

3 Comments

  1. Anita

    11. Juni 2018 at 22:12

    Find ich eine ziemliche coole Idee und ganz toll, dass du dich da drauf eingelassen hast!! Ganz liebe Grüße

  2. Jil

    12. Juni 2018 at 14:18

    Toll, liebe Janina, dass du dich dafür öffnen kannst. Das ist ganz wertvoll!

  3. Jule

    13. Juni 2018 at 21:22

    Ich finde das auch total cool und mega spannend. Natürlich bin ich auch ein wenig neugierig, was die Dinge betrifft, die Du nicht erzählen darfst. Ohne diese Hintergründe ist manches natürlich auch schwer zu beurteilen. Dir tun die Menschen dort im Gefängnis gewissermaßen leid. Das kann ich auch total verstehen. Gleichzeitig denke ich, sie sitzen (in der Regel) nicht grundlos dort und es ist eine Strafe für etwas, was sie getan haben.
    Ich kann also Deine Gedanken, die sicher auch etwas zwiespältig waren verstehen. Ich bin gespannt, was Du am Ende berichtest. Hoffentlich ist es für Euch beide ein schönes Erlebnis und eine willkommene Abwechslung. Mit Dir hat der Gefangene auf jeden Fall einen lieben Menschen gefunden!

Leave a Reply