Frau, Persönliches

Abschied // Wenn man sich auf einmal mit dem Tod seiner Eltern auseinandersetzen muss

Es gibt so Themen, die schiebt man gerne vor sich her. Entweder, weil sie aufwendig, nervig und kompliziert sind, wie zum Beispiel die alljährliche Steuererklärung oder weil sie unangenehm und mit Ängsten verbunden sind. Die Fürsorge für die Kinder zu klären, falls mit uns Eltern etwas passiert, ist so ein Thema. Übrigens eines, was ich dringend noch erledigen muss.

Aber dass ich mich so plötzlich mit dem Tod meiner eigenen Eltern auseinandersetzen muss, das hätte ich tatsächlich nicht gedacht. Als vor 1,5 Jahren meine erste eigene Katze starb, war das furchtbar für mich. Eine Situation, von der ich wusste, dass sie irgendwann einmal kommen wird, vor der ich aber unglaubliche Angst hatte. Unaufhaltsam überrollt sie dich und du kannst absolut nichts dagegen tun. Der Tod ist hart, grausam und endgültig.

Auch jetzt merkt ihr, wie ich versuche, vom Thema abzuweichen. Ich schiebe die Worte vor mir her und doch kann ich sie nicht verhindern. Mein Vater ist tot. Er ist im Alter von nur 68 Jahren an zwei Schlaganfällen und Lungenkrebs gestorben. Und obwohl ich ihn sogar noch gesehen habe, als in ihm kein Leben mehr war, erscheint mir diese Tatsache Wochen später immer noch so unreal, unbegreiflich und unfair.

Ich kann doch nicht mit 33 Jahren keinen Vater mehr haben?! Fühle ich mich doch selbst allzu oft noch wie ein Kind, das hilfebedürftig nach Liebe und Anerkennung schreit. Dieses Kind ist zu großen Teilen ein Schattenkind mit vielen Ballasten, wie Stefanie Stahl es in ihrem Buch beschreibt. Mein Vater hat mir nicht viel Liebe gegeben. Aber er war nun mal der einzige Vater, den ich hatte.

Ihr durftet ja ein klein wenig dabei sein, wie die Beziehung zu meinem Vater besser wurde und wir uns annäherten. Es war nicht alles rosig und er war sicherlich nicht so für mich da, wie andere Väter das für ihre Kinder sind. Aber es war ein Anfang. Der Anfang eines Weges, der mir jetzt so unvollendet erscheint.

Abschied Eltern Tod Trauer

Wir konnten nichts mehr klären. Er hatte einen Schlaganfall und seitdem war alles anders. Dabei wäre da noch so viel zu klären gewesen. Ich habe so sehr auf die Chance gehofft, ihm alles zu sagen, einmal alles an den Kopf werfen zu können, um es dann ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Sein „Du bist ein Stück Dreck“. Sein „Ich trenne mich von deiner Mutter und ihr seid mir nicht wichtig“. Seine Abwesenheit.

Ich weiß, er hatte eine harte Schale und einen weichen Kern. Ich weiß, dass er selbst von seinem Vater schlecht behandelt wurde. Ich weiß, dass er mir seine Liebe nie zeigen konnte. Und dennoch fehlt etwas. Es fehlt das ausgesprochene „Ich liebe dich“. Das „Ich bin stolz auf dich“. Ich konnte mich verabschieden. Ich konnte ihm Vergebung aussprechen, auch wenn seine Seele bereits seinen Körper verlassen hatte. Aber die Leere in meinem kindlichen Herzen bleibt.

Das Schlimmste am Tod eines Menschen ist die Endgültigkeit. Es wird einem die Möglichkeit genommen, dass je eine Besserung der Beziehung eintritt. „Er war ja eh nie für dich da“. Ja, das hab ich mir in Zeiten seiner Krankheit eingeredet, damit mich der Tod nicht so trifft. Pustekuchen. Ich kann nie wieder mit ihm reden. Uns wurde die Chance genommen, uns weiter zu entwickeln. Unser Verhältnis auszubauen. Es zu verbessern.

So fuhr ich also ein letztes Mal an den Ort, wo er die letzten 15 Jahre gelebt hat. Und nahm Abschied am Meer. Die Wellen tobten, es war unglaublich stürmisch. Wie ein letztes Aufbäumen seiner Seele. Oder meiner.

Wie lebt man also weiter ohne seinen Vater? Wenn Dinge ungeklärt bleiben und er nicht mehr zurückkommt? Viele von euch haben mir gesagt, dass die Trauer wohl nie ganz weggehen wird. Darauf stelle ich mich ein. Im Moment bin ich gut im Verdrängen. Ich denke nicht über ihn nach. Tue ich es, kann ich die Tränen nicht zurück halten. Ich denke, das ist normal. Dennoch habe ich keinen Plan, wie man mit dieser Situation umgehen kann.

Es ist eine vollkommen neue Erfahrung. Die man nur zwei Mal im Leben macht. Wie eine neue Ära, ein neuer Abschnitt meines Lebens. Der Tod der eigenen Eltern. Ich wünschte, ich hätte diese Erfahrung erst später in meinem Leben machen müssen. Wenn ich reifer, erwachsener bin und Dinge ausgesprochen habe. Deswegen kann ich diesen Text nicht anders enden, als mit dem Appell an euch: Klärt eure Beziehungen. Egal, wie verzwickt sie sind. Überlegt euch, was ihr nicht bereuen wollt, nicht gesagt zu haben, wenn ihr am Grab eurer Eltern steht.

Unsere Eltern sind weiß Gott nicht perfekt. Aber wer ist das schon. Sie haben eine eigene Geschichte. Und sie sind die einzigen Eltern, die wir haben. Oder hatten.

6 Comments

  1. Tanja

    23. Januar 2019 at 11:20

    So berührende und tiefgründige Worte habe ich schon lange nicht mehr gelesen… mir kamen die Tränen beim Lesen! Du bist trotz allem was zwischen Euch stand so eine starke mutige und tolle Persönlichkeit! Ich ziehe den Hut vor Dir!

    1. Filea

      30. Januar 2019 at 17:28

      Liebe Tanja, auch hier nochmal vielen Dank für deine lieben Worte. Das bedeutet mir so so viel! DANKE!

  2. Laura

    23. Januar 2019 at 22:35

    Fühl dich erstmal gedrückt <3 Meine Mama ist vor knapp 2 Jahren nach vielen Jahren Kampf gg. den Krebs verstorben – erwartet, aber dann doch schneller als gedacht. In dem Jahr wurde ich 30, meine Mama hat’s nicht
    ehr erlebt :‘-( Und ich kann aus Erfahrung sagen ja, die Trauer bleibt. Es gibt heute noch viele Abende, an denen ich weinend i
    Bett liege oder Momente, insb. mit den Kinder, wo mir die Tränen in den Augen stehen, weil ich mir so sehr gewünscht hätte, dass sie sie miterleben kann. Und zu oft denkt man daran, was man noch hätte sagen können, sollen, müssen…Es wird auch nicht einfacher mit der Zeit, nur anders…

    1. Filea

      30. Januar 2019 at 17:29

      Liebe Laura, es tut mir so leid mit deiner Mama. Ich glaube auch, dass es immer irgendwie schwer bleiben wird. Danke trotzdem für deine Worte und alles Gute dir :-*

  3. Hasenmutti

    30. Januar 2019 at 16:09

    Ich kenne dich nicht und ich bin auch nur durch Zufall (oder sollte es so sein?) auf diesen Artikel gestoßen.
    Er berührt mich sehr.
    Und ich will dir gerne erklären, warum. Ich werde bald 40 Jahre alt – das ist nicht mehr ganz jung und selbstverständlich nicht alt. Eben irgendwie die „Mitte“ des Lebens. Ich beschäftige mich derzeit viel mit dem Altern im allgemeinen, ich beobachte den Alterungsprozess meiner Eltern und stelle mit erschrecken fest, wie sehr sich alle(s) um mich herum verändert.
    Die Kinder werden groß, sie werden langsam erwachsen. Und die Erwachsenen werden älter.
    Bekannte, Freunde von mir, sind plötzlich gestorben. Wie ist das möglich? Wir sind doch noch „jung“?!
    Und dazu all die Emotionen, all das Ungesagte, all das nicht geklärte…
    Ich fühle mit dir. Ich kann deinen Schmerz nicht mindern, nicht klären, was nicht geklärt ist…
    Daher bleibt mir nur, dir viel Kraft und Geduld zu wünschen, viel Raum und Zeit zum Trauern.
    Mit allem, was dazu nötig ist, damit es dir wieder gut gehen wird. Irgendwann…
    Fühl dich umarmt und gehalten

    1. Filea

      30. Januar 2019 at 17:30

      Liebe Hasenmutti,
      danke für deine Worte! Es ist interessant zu beobachten, wie sich Menschen verändern, wie sie älter werden und irgendwie macht das auch Angst, finde ich. Weil wir alle nur dieses eine Leben haben und man es möglichst effizient leben möchte. Ich hoffe, du kannst noch alles klären, was du dir vornimmst. Alles Gute dir! Janina

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